Ein Thementaxi Kunstgeschichte, bitte!

22 Uhr. Warme Sommernacht über Erlangen. Bin an der Ecke des Schlossplatzes und blicke in den Schlossgarten, der hinter dem Schloss liegt: Menschenschatten im Licht der beleuchteten halbkreisförmigen
Orangerie
. Neugierig schleich ich mich dorthin.

Ein Gartenfest des Kunsthistorischen Instituts der Universität Erlangen. Während z.B. die Theaterwissenschaftler ihre Feste immer in einem Hinterhofzimmer feiern (sie müssten eigentlich ihrem Studienfach angemessen im Theater feiern, die Physiker im Kernkraftwerk und die Psychologen in der Psychiatrie), gönnen sich die elitären Kunstgeschichtler exklusivste Atmosphäre.

Wenn ich jetzt bös wär, würde ich sagen: “Sollen sie es nochmal schön haben, bevor es nach dem Studium …” Aber ich bin ja nicht so. Mach auch Kunst (wenn auch zweifelhafte) und deshalb mit der Kunstgeschichte auf “du”, also ARTverwandt.

Will eine neue großartige Kunstepoche lostreten. Die Zeit ist reif. Wie könnte sie heißen? Vielleicht: “Die große 50-jährige Verwirrung”? Wer macht mit? Wer arbeitet hart dafür, dass ich berühmt werde?

Hier sind Kunstgeschichtler gefragt. Besser gesagt Kunstgeschichtlerinnen. Auf dem Fest habe ich nämlich keinen Mann gesehen. Nichts, was ein bisschen männlich aussah. Was aber nicht heißen muss, dass da kein Mann darunter war.

Gern erinnere ich mich in diesem Zusammenhang an eine Anekdote, die man sich bei den Psychologen an der Uni Erlangen erzählt. Privatdozent Gendolla hatte in einer Sozialpsychologie-Vorlesungen über die männlichen Psychologiestudenten gesagt: “Das sind doch keine richtigen Männer.” Wenn man die Langhaar-John-Lennon-Gedenkfrisuren einiger dieser Studenten betrachtet, könnte er sogar Recht haben.

Gendolla hatte keine Vorlesungen gehalten, sondern lustige und lehrreiche Vorlesungsshows. Sie könnten auch im Comedyprogramm laufen. Und so breiten Bevölkerungsschichten psychologisches Grundwissen vermitteln (wichtig!).

TV-Programm:

Samstag. ARD

22.00 bis 22.30 Uhr: Scheibenwischer (Satire)

22.30 bis 23.15 Uhr: Sozialpsychologie-Vorlesung
Folge 7: Liebe und Affektion
Von und mit Prof. Gendolla (Comedyshow)

5 Minuten nach dem offiziellen Beginn der Sozialpsychologievorlesung bei Gendolla. Ich komme wie immer pünktlich zu spät. Ich hetze aus dem Aufzug und sehe Gendolla selbst zu spät vor der Eingangstüre des Vorlesungssaals. Er sieht mich, hält inne und mir die Türe auf, so dass ich vor ihm den Raum betreten darf. Dabei er: “Gehen Sie vor mir rein, sonst sind Sie zu spät.”

Genialer Gedankengang: Ein Student verspätet sich zur Vorlesung nur dann, wenn er nach dem Professor kommt, dem Maß aller Dinge an der Uni.

In der Vorlesung ging es amüsant weiter. Auch Studenten helfen mit. Gendolla: “Forschungsergebnisse zeigen, dass schöne Menschen nicht glücklicher sind als durchschnittlich aussehende.” Worauf die hübsche Simone in sich hineinseufzt, aber aus Versehen gerade noch laut genug, dass es jeder hören konnte: “Stimmt”. Alle beginnen zu lachen und Simone, die peinlich berührt hochrot anläuft: “Ich hab mich doch nicht gemeint.”

Simone hatte eine ungewöhnliche Schönheitsschwachstelle, die sie mir verriet: “Mein Kopf ist so klein.” Worauf ich (gewohnt betont einfühlsam): “Ja, stimmt, du hast ein zierliches Raupenköpfchen.”

Hintergrundwissen: Hübsche Menschen betrachten ihr Aussehen nur als Glück (im Sperma-Bingo) und nicht als eigene Leistung. Aber nur diese kann das Selbstbewusstsein erhöhen und so glücklich machen.

Echt Glück gehabt, dass ich zusätzlich auch noch was kann ;), wenn ich auch manchmal nicht weiß, was das ist.

Zurück zur Frage, wieso kein Mann Kunstgeschichte studiert. Denkbar wäre, dass die Kunstgeschichtlerinnen ein modernes Matriarchat einführen und deshalb die Männer rausgeschmissen haben.

Hoffentlich sind Spinnen nicht das Vorbild, bei denen die Männchen nach der Begattung totgebissen und verspeist werden. Oder die Echsenart, bei der die Weibchen erkannten, dass die Männchen zu nichts zu gebrauchen sind. Und deshalb sie aussterben haben lassen, und deren Funktionen einfach übernommen haben. Jedes Weibchen kann jetzt ein anderes Weibchen befruchten, aber auch genauso befruchtet werden und Junge kriegen (aber nur weibliche Junge). Das sind die ersten Lesben, die ihr Ding gnadenlos durchgezogen haben. Auch wenn es ein bisschen gedauert hat. Aber was sind schon paar Millionen Jahre? What is worth having, is worth waiting for.

Die Echsen-Lesben könnten Vorbilder für die Menschen-Lesben sein. Wobei diese das Ziel dank der modernen Medizin schneller erreichen dürften. Ich möchte kein Mann in 500 Jahren sein. Denn da gibt es keine mehr. (Der letzte Mann zu sein wäre zwar einsam aber auch einsame Spitze: kein Problem mit vergebenen Frauen und der männlichen Konkurrenz.)

Vielleicht hat man einfach nur einen Geschlechts-Clausus eingeführt. Man will die Männer vor einem Kunstgeschichte-Studium fern halten, weil sie damit ihrer klassichen Ernährerrolle nicht nackommen könnten.

Die Kunstgeschichtlerinnen dagegen haben hier kein Problem. Sie krallen sich einfach einen Siemensianer (99,7 % der Fälle) oder einen reichen Künstler (0,3 %), eine seltene Spezies.

Oder die Männer wollen einfach nichts “Künstliches” studieren, weil sie später lieber “handfeste” Kernkraftwerke bei Siemens bauen wollen.

Wenn aber nächstes Jahr auf einmal 100.000 junge Männer Kunstgeschichte studieren wollen, könnte es daran liegen, dass viele der textro.com-lesenden Abiturienten sich von der hier publizierten 100%igen Frauenquote angezogen fühlen.

Diese Aspiranten kann ich aber bzgl. der Berufsaussichten beruhigen. Uninformierte Kreise haben mir gesteckt: Die Uni Erlangen plant, die geisteswissenschaftlichen Fächer als Kombi-Studiengänge mit integrierter Taxifahrerausbildung anzubieten. Kooperationpartner sind die Erlanger Taxibetriebe, die sich schon auf ihre studentischen Angestellten oder besser gesagt Subunternehmer freuen. Denn so kann endlich die Idee der Thementaxis aus der Schublade geholt werden.

Wenn man ein Taxi braucht und kunstgeschichtlich interessiert ist, dann bestellt man sich ein “Kunstgeschichtstaxi”. Das fährt natürlich eine Kunstgeschichtlerin, die dem Gast auf der Fahrt dann z.B. etwas über “Mittelalterliche Wandmalerei in Bayern und Böhmen” erzählt. Eine typische Win-Win-Situation: Der interessierte Fahrgast freut sich. Aber auch die Taxifahrerin, denn sie fühlt, sie hat doch nicht umsonst studiert.

Thementaxis gibt es auch in den Fachrichtungen:

Germanistik
Klassische Archäologie
Musikwissenschaft
Orientalistik
Pädagogik
Philosophie
Politikwissenschaft
Slavistik
Soziologie
Theater- und Medienwissenschaft
Theologie
Psychologie (Hier aufpassen. Denn einige studieren das nicht umsonst. Ich erinnere z.B. an den Gaudiflieger, einen Psychologiestudenten, der 2003 mit einem gestohlenen Flugzeug Frankfurt in Angst versetzte. Siehe Kriminalportal. Oder Diplom-Psychologe Schreiber. Anfänger verzocken an der Börse Haus und Hof. “Profis” wie er ein ganzes Versicherungsunternehmen.

Auch lief im Fernsehen mal eine Sendung über einen Kriminalpsychologen und Serienmörder, deren Seelenleben er untersucht. Der Ton war abgeschaltet, weil ich telefonierte. Ich sah einen Mann und dachte: “Serienmörder kann man also doch am Gesicht erkennen.” Dann wurde ein zweiter Mann interviewt. Sah normal aus, sympathisch. “Und das muss der Kriminalpsychologe sein.” Als ich mich der Sendung endlich mit Ton widmen konnte, stellte ich fest: Es war umgekehrt.

Aber ganz Unrecht hatte ich nicht. Denn dieser Kriminalpsychologe, Thomas Müller, gibt zu: “Bin mir selbst suspekt.” Ein Bild von ihm und noch eins, zum vergrößern, für alle, die mal wieder albträumen wollen. Und wer zusätzlich noch den Nervenkitzel in der Realität erleben will, für den steht schon ein Thementaxi Psychologie bereit.)

Je kleiner ein Taxiunternehmen ist, desto wichtiger ist es, dass es vor allem Magister-Absolventen beschäftigt. Die sind nämlich flexibel in bis zu 3 verschiedenen Thementaxis einsetzbar. Für die Metropolen würden sich größere Sammel-Thementaxis anbieten.

Aber auch ohne Thementaxis sind die Berufsaussichten für all diese Fächer nicht sooo schlecht. Denn es ist oft egal, in welchem Fach man seinen Universitätsabschluss macht: Auch als Theologe kann man zur Armee. Als Gefechtspfarrer in den Krieg ziehen. Und Uwe Wagner, studierter Theologe, ging nach dem Studium zur Deutschen Bank und ist in eine andere Art von Krieg gezogen: in den Börsenkrieg. Aus welchem er als Börsenguru mit Pop-Star-Status hervorging. Ob der Börsenpfaffe auch für die Börsenopfer betet?

Ich betrat mal die Fakultät der Erlanger Theologen (nicht deren Bibliothek). Und wurde gleich angehalten, weil ich meinen Rucksack nicht in ein Schließfach an der Pforte eingeschlossen hatte.

Meine Verwunderung über die theologische Hochsicherheitsschleuse verschwand, als mich der Hausmeister aufklärte: “Bei den Theologen kommt viel weg. Von allen Bibliotheken an der Uni Erlangen wird am meisten geklaut bei den Theologen und Juristen.

Am Schluss der Cliffhanger: Wieso ich kein Thementaxi Geschichte erwähnt habe? Antwort bald in einem Posting.

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